Des Kaisers neues Oratorium

Das Kaiseroratorium in der Karlskirche wurde aufwendig saniert. Ein Blick hinter die Kulissen dieses prächigen Raumes.

Ein neues Rom – das wollte Kaiser Karl VI. in Wien errichten. Nicht nur Residenzstadt des römisch-deutschen Imperators, auch als Hauptstadt des Habsburgerimperiums musste sich der Glanz und die Glorie des Kaisers in Wien widerspiegeln. Die Karlskirche ist Teil dieses großen Projekts: Sie ist ein steingewordenes Sinnbild für die Größe, aber auch die Frömmigkeit der Habsburger.

In das Herz dieser Kirche, an den Altar, hat Kaiser Karl VI. die Kreuzherren mit dem roten Stern gestellt. Sie sollten die „Pietas Austriaca“, die den Habsburgern eigen war, fördern und pflegen: Verehrung der Eucharistie, des Kreuzes, der Heiligen, vor allem Maria. Dies war nicht nur die persönliche Frömmigkeit Karls VI., sie war Staatsräson.

Dass die Karlskirche überhaupt heute existiert, ist Frucht dieser imperialen Frömmigkeit. Auf dem Timpano der Kirche steht: „Ich will meine Gelübde erfüllen im Kreise jener, die Gott fürchten“ (nach Psalm 116). Der Kaiser selbst machte klar, dass dieses Bauwerk, auf ein Gelöbnis hin errichtet, für alle Zeiten ein Symbol für die Gottesfürchtigkeit seines Erbauers sein soll, der das tut, was Gott von ihm verlangt: Seine Gelübde erfüllen, die er zum Wohle der Stadt und seines Reiches abgelegt hat.

Das „Kaiseroratorium“, jener Ort, an dem der Herrscher der Heiligen Messe beiwohnte, ist ein prachtvoll ausgestatteter Raum zur persönlichen Andacht – und gleichzeitig ein Ort des „Dazwischen“

Der kleine Raum im ersten Stock über der Sakristei der Karlskirche erzählt auf seine eigene Weise von der Gottesfurcht, dem Gottesbild und dem Herrscherverständnis Karls VI. Das „Kaiseroratorium“, jener Ort, an dem der Herrscher der Heiligen Messe beiwohnte, ist ein prachtvoll ausgestatteter Raum zur persönlichen Andacht – und gleichzeitig ein Ort des „Dazwischen“. Zwischen privat und öffentlich war der Kaiser hier während der Hochämter, zwischen dem Himmel und der Erde, zwischen dem Kirchenschiff, dem Bereich des einfachen Volkes, und dem Altarraum, Bereich der heiligen Handlungen. Es spricht vom Selbstverständnis des Kaisers, was wir hier sehen: Der Kaiser ist Mittler zwischen Himmel und Erde; er ist gottgewollter Herrscher, vom König der Welt selbst dazu bestimmt, Kaiser zu sein nach seinem Abbild.

In der Binnenlogik dieses Herrscherverständnisses, das noch dazu vom Charisma des französischen „Roi-Soleil“-Absolutismus durchzogen war, ist es nur folgerichtig, dass der Raum, in dem der Kaiser mit Gott in Kontakt tritt, sein Oratorium (von lat. „orare“ – beten), ein Platz atemberaubender Schönheit sein muss. Die zarten Schattierungen des Kunstmarmor, das helle, vitale Braun des Holzes, die unendlich komplizierten und detailverliebten Ornamente, das Schimmern des Goldes, das Licht selbst: alles vereinigt sich zu einem harmonischen Ganzen, das nicht nur ästhetisch ansprechend, sondern darüber hinaus ein Abglanz imperialer und göttlicher Würde sein sollte.

Heute ist der Kaiser weg und das Oratorium ist verwaist. Tatsächlich war Karl VI. selbst wohl nur einmal hier. Doch der Eindruck bleibt -dieses aus Marmor, Holz und Gold gegossene Statement des Schönen. Doch wie jedes Schöne bedarf es der Pflege und so ist es immer wieder aufs Neue geboten, das Kaiseroratorium „wiederaufzuhübschen“, durch Reinigung, Restaurierung und Konservierung.

Diese Pflege, die selbst schon eine Art Kunst geworden ist, ist in der Karlskirche eine sehr umfangreiche Aufgabe. Sie ist quasi eine „Dauerbaustelle“, in der es immer etwas zu tun gibt, um dieses Gesamtkunstwerk zu erhalten. Um die Erhaltungsmaßnahmen zu finanzieren, bringt der Verein der Freunde der Wiener Karlskirche, der zum Rektorat der Karlskirche gehört, die notwendigen Mittel auf: Vor allem durch die Eintrittsgelder von Touristen.

Auch mussten Fehler der letzten Restaurierungen, wie unsachgemäße Bestreichungen oder Vergoldungen, rückgängig gemacht werden.

Das Kaiseroratorium mag zwar zu den kleineren Räume in der Kirche gehören, das Restaurierungsprojekt war aber sicher eines der aufwendigsten der letzten Jahre. Händisch und auf jedes Detail achtend, wurden Holz, Stuckmarmor, Schnitzereien, Goldornamente, Messingbeschläge und so weiter gereinigt, repariert oder sogar nachgebildet. Auch mussten Fehler der letzten Restaurierungen, wie unsachgemäße Bestreichungen oder Vergoldungen, rückgängig gemacht werden. So wurde beispielsweise mittels modernster Lasertechnik das Holz so bearbeitet, dass nun die Werkspuren der barocken Bildhauer an den Schnitzereien der Türen sichtbar sind. Und so erstrahlt des Kaisers neues Oratorium wieder in seinem alten barocken Glanz, den auch Karl VI. damals erlebt haben muss.

In wöchentlichen Baubesprechungen unter der Leitung des Bundesdenkmalamts stimmten sich die Restauratoren über jede Kleinigkeit ab. Jedes Detail wurde genauestens betrachtet, was erklärt, warum die Restaurierung dieses kleinen Raumes dann doch über ein halbes Jahr in Anspruch genommen hat. Doch das Ergebnis zeugt davon, dass sich die Arbeit gelohnt hat. Die barocke Würde des Raumes ist wiederhergestellt und sowohl die Restauratoren als auch Bundesdenkmalamt und nicht zuletzt die Gemeinde der Karlskirche ist froh und dankbar, dass das Oratorium wieder so schön strahlt wie zu Kaisers Zeiten.

Noch mehr Einblicke in das Oratorium erhalten Sie auf instagram im Format „Holy Crib“.

 

 

Fotos: Mihai M. Mitrea

Product details