Danke, dass wir dürfen: Festmesse zum tschechischen Studententag

Zum „Tag des Kampfes für Freiheit und Demokratie“ gedachte die Rektoratsgemeinde gemeinsam mit dem „Tschechischen und slowakischen Studentenverein in Wien“ der Unterdrückung der Tschechen durch das nationalsozialistische und kommunistische Regime. Es war ein bewegendes Fest, das die Brisanz dieses Themas auch heute klar machte: Gerade am Fest Christkönig erinnert die Kirche daran, dass der Mensch in Freiheit und Gleichheit leben können muss und dass Autokratie, Diktatur und Totalitarismus mit dem katholischen Glauben unvereinbar sind.

Den Wortlaut der Rede der Studenten finden Sie hier:

Sehr geehrte Damen und Herren,

im Namen des tschechischen und slowakischen Studentenvereins heiße ich Sie herzlich willkommen zu dieser feierlichen Heiligen Messe mit dem Titel „Danke, dass wir dürfen“. Dieser Titel hat, gerade an diesem heutigen Festtag, seine wichtige Bedeutung, und zwar gleich auf zwei Ebenen.

Heute feiern wir das Christkönigsfest, mit dem das liturgische Jahr beendet wird. Es handelt sich um ein relativ neues Fest; es wurde von Papst Pius XI. am Ende des Heiligen Jahres 1925 – also vor genau 100 Jahren – als Reaktion auf die faschistischen Regime eingeführt, die zu dieser Zeit europaweit wie Molche aus dem Boden schossen. In seinem Rundschreiben Quas Primas erinnert er an die Königliche Herrschaft Christi – an seine Souveränität über die menschliche Geschichte und alle Herrscher dieser Welt – und stellt ihn damit als Gegenpol zu den totalitären Ideologien und insbesondere den Personenkulten ihrer Führer dar.

Dieses Fest hat jedoch auch nach hundert Jahren nichts an Aktualität eingebüßt. Immer wieder aufs Neue versuchen verschiedene faschistische und totalitäre Ideologien, die absolute Macht über die Menschen zu erlangen. Zugleich gilt aber heute wie damals: Wie kann ein Mensch, ein Staat oder eine Ideologie die totale Herrschaft über den Menschen und sein Herz beanspruchen? Denn es wurde doch allein Christus, dem menschgewordenen Wort Gottes, alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben – Er ist der König der Könige und der Herr der Herren.

Danken wir daher heute Gott dafür, dass wir, genauso wie das liturgische Jahr mit dem Christkönigsfest endet, darauf vertrauen können, dass auch die Vollendung der irdischen Schöpfung einst in den Händen des souveränen Königs über die menschliche Geschichte, und seiner unendlichen und wahren Gerechtigkeit und Gnade liegen wird – und zwar keineswegs abhängig von der Willkür irgendeiner irdischen Herrschaft.

Daher hat „Danke, dass wir dürfen“ heute eine tiefgehende theologische Bedeutung, an die auch grundlegende zivile Ereignisse der tschechoslowakischen Geschichte jenes turbulenten 20. Jahrhunderts anknüpfen.

Im November 1939 wurde in Prag während einer Demonstration gegen die nationalsozialistische Besatzung der Medizinstudent Jan Opletal erschossen. In der Folge richtete sich der Terror der NS-Macht gegen die Studenten und gipfelte in der Razzia in der Nacht zum 17. November 1939, während der in der Ruzyně-Kaserne neun Funktionäre der Studentenverbände ohne Gerichtsverfahren hingerichtet wurden. 1200 Studenten wurden in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt und alle tschechischen Hochschulen wurden mit sofortiger Wirkung geschlossen sowie alle Studenten und Lehrenden entlassen. Im Jahr 1941 wurde dieser Tag, der 17. November, daher in London zum Internationalen Studententag erklärt.

Als tschechoslowakische Studenten am 17. November 1989 in Prag – kurz nach der Heiligsprechung der Gründerin des Ritterordens der Kreuzherren mit dem Roten Stern, der Heiligen Agnes von Böhmen – das Andenken an Jan Opletal ehren und sich gegen die Totalität aussprechen wollten, trieb die kommunistische Öffentliche Sicherheit sie zunächst auf der Nationalstraße in eine Absperrfalle und verprügelte sie anschließend mit den berüchtigten weißen Schlagstöcken. Diesen historischen Tag, mit dem de facto die Geschehnisse der Samtenen Revolution begannen, feiern wir heute als den Tag des Kampfes für Freiheit und Demokratie. Die Samtene Revolution machte die Tschechen und Slowaken zu Völkern, die wieder in Demokratie leben, und begann sie in die Mitte eines freien und vereinten Europas zurückzuführen.

Heute können Tschechen und Slowaken wieder in Wien studieren, frei reisen und über ihr eigenes Leben selbst bestimmen.. Nur dank dieser Entwicklung konnte vor zwei Jahren der Tschechische und Slowakische Studentenverein in Wien gegründet werden und eine Freundschaft mit den Kreuzherren in Wien und der Wiener Karlskirche entstehen, für die wir zutiefst dankbar sind. Wir können und wollen wieder stolz zeigen, dass Tschechen und Slowaken, genauso wie die Kreuzherren und Karlskirche, tiefst mit Wien und Europa verbunden sind und einen festen Platz mitten Wiens haben.

Für das kostbare Geschenk der Freiheit möchten wir heute von unseren ganzen Herzen dem lieben Gott danken. Wir wissen zugleich: Freiheit und Menschenrechte sind universell. Es ist unsere Pflicht, sie jeden Tag zu schützen – zuhause in Tschechien und in der Slowakei sowie auch im Ausland, wie hier in Österreich.

Wir laden Sie ein, einen Blick auf den Ablauf der heutigen Heiligen Messe zu werfen, die nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Tschechisch gefeiert wird. Musikalisch werden wir heute von Musikern der Akademie der Musischen Künste aus Prag begleitet. Sie werden uns Werke der tschechischen liturgischen Tradition sowie Melodien darbieten, die mit der Samtenen Revolution von 1989 verbunden sind.
Wir möchten uns sehr herzlich für die Ermöglichung dieser Heiligen Messe und für all die wunderbare Unterstützung bei der Gestaltung unserer Studentengemeinschaft bei dem Rektor der Karlskirche, Dr. Marek Pučalík, bedanken, der die heutige Festmesse zelebriert. Sein großzügiger Zugang ermöglicht uns die Existenz und die Durchführung von Veranstaltungen in einem solchen Ausmaß, wie dies geschieht. Wir schätzen das sehr, lieber Marek.

Nach der Heiligen Messe sind Sie alle herzlich eingeladen, ein Glas Martinswein aus Südmähren mit uns im Rektorsaal zu genießen und die Ausstellung über die Revolution vom 17. November 1989 zu besichtigen.

Ich hoffe, dass heutige Messe ein tiefes und angenehmes Erlebnis für Sie wird.

Fotos: Marketa  Zelenkova

 

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